A garden can be a studio, become a life’s work, serve as a stage for art, or become a quiet form of resistance against the transience of life. It can create order whilst at the same time revealing the intangible as something beautiful. Perhaps this is precisely where its special significance lies: a garden does not necessarily make the world easier to understand. But it makes it legible. Within it, landscape, art, nature, history and human life can come to light – not side by side, but intertwined.
In den letzten Jahren haben wir immer wieder Städte und Landschaften in England besucht. Dabei waren es nicht immer die berühmten Sehenswürdigkeiten, die uns besonders in Erinnerung geblieben sind. Immer wieder wurden Gärten, Parks und gestaltete Landschaften zu den eigentlichen Höhepunkten unserer Reisen. Vielleicht liegt das daran, dass sich in einem Garten vieles miteinander verbindet: Landschaft und Kunst, Natur und menschliche Gestaltung, Geschichte und persönliche Lebensgeschichte.
Ein Garten ist mehr als ein abgegrenztes Stück Natur. Er macht sichtbar, was in der offenen Landschaft oft verborgen bleibt: die Art und Weise, wie ein Mensch die Welt wahrnimmt und zu ihr in Beziehung tritt. In der Gestaltung eines Gartens können sich Vorstellungen von Ordnung und Freiheit, Schönheit und Vergänglichkeit, Natur und Kultur ausdrücken. Zugleich kann ein Garten die Welt gewissermaßen durchsichtig werden lassen. Hinter Pflanzen und Wegen, Mauern und Skulpturen erscheint etwas von den Menschen, die diesen Ort geschaffen haben. Und umgekehrt verändert der Garten unseren Blick auf die Natur, die ihn umgibt.Vielleicht ist es diese gegenseitige Durchlässigkeit, die uns an englischen Gärten immer wieder fasziniert hat. In Oxford war es der Botanische Garten, der uns beeindruckte, aber ebenso der Addison’s Walk, ein Spazierweg entlang des Cherwell und durch das Gelände des Magdalen College, auf dem sich Landschaft und Garten fast unmerklich miteinander verbinden. In Cambridge besuchten wir einige der College-Gärten. Manche waren streng gestaltet, andere überraschend frei. Immer wieder begegneten uns Skulpturen, etwa Werke von Barbara Hepworth im Churchill College, die nicht einfach in den Garten gestellt, sondern in ihn aufgenommen waren.Besonders häufig besuchten wir den kleinen, verwilderten Friedhof, auf dem Ludwig Wittgenstein begraben liegt. Hier scheint die Natur die Herrschaft über den Ort übernommen zu haben; die Grabplatte ist beinahe überwuchert. Gerade dort, wo der Mensch sich zurücknimmt, treten Zeit, Wachstum und Verfall hervor. Die Natur verdeckt das vom Menschen Geschaffene und macht dadurch zugleich dessen Vergänglichkeit sichtbar.
Besonders eindrucksvoll war auch der Skulpturenpark von Henry Moore in Much Hadham. Dort wurde uns deutlich, wie sehr ein Kunstwerk durch den Ort, an dem es steht, verändert wird – und wie umgekehrt die Skulpturen unseren Blick auf die Landschaft verändern. Die Skulptur steht nicht einfach in der Natur. Sie lässt uns die Natur anders sehen. Landschaft wird durch Kunst wahrnehmbar und Kunst wiederum durch Landschaft.
In diesem Jahr führte uns unsere Reise in die Grafschaft Kent. Wieder begegneten uns Menschen, Gärten, Landschaften und Kunst, diesmal jedoch in sehr unterschiedlichen und sehr persönlichen Formen.Eine besondere Station war Whitstable. Die Stadt am Meer ist für ihre Austern und ihre maritime Atmosphäre bekannt. Von hier reicht der Blick weit über die Themsemündung hinaus bis zum offenen Meer und zur Halbinsel Sheerness, wo Uwe Johnson zuletzt lebte. In Whitstable besuchten wir den Maler Alf Löhr, der in einem der Coast Guard Cottages lebt und arbeitet. Vor seinem Haus hat er einen kleinen, farbenfrohen Garten angelegt. Von der Terrasse blickt man über die Pflanzen hinweg unmittelbar auf das Meer.
Für Löhr ist dieser Garten weit mehr als ein Vorgarten. Auch seine Malerei ist von der Auseinandersetzung mit Pflanzen und Landschaften geprägt. Farben, Formen, Licht und die ständig wechselnde Atmosphäre der Küste finden ihren Weg in seine Bilder, ohne dass die Landschaft darin unmittelbar abgebildet würde. Sie wird nicht kopiert, sondern in eine andere Form der Wahrnehmung übersetzt.
Gleichzeitig ist der Garten zu einem persönlichen Rückzugsort geworden. Löhr hat ihn bewusst so entwickelt, dass er ihn beobachten, erleben und immer wieder neu wahrnehmen kann. Der Garten ist zu einem erweiterten Atelier geworden, zu einem Ort, an dem sich Natur und künstlerische Wahrnehmung unmittelbar begegnen.
Vielleicht liegt darin bereits etwas von dem, was man als Transparenz der Welt bezeichnen könnte: Die Dinge bleiben, was sie sind, und werden doch als etwas anderes sichtbar. Die Pflanzen sind nicht bloß Pflanzen, das Meer nicht bloß Landschaft. Sie werden Träger einer Wahrnehmung, ohne ihre eigene Wirklichkeit zu verlieren.
Von Whitstable aus war es nicht weit zu einem Garten, der auf ganz andere Weise mit Kunst und seinen Schöpfern verbunden ist: Sissinghurst, der Garten von Vita Sackville-West und Harold Nicolson. Sissinghurst bedeutet so viel wie „Waldlichtung“. Aus dieser Landschaft wurde über viele Jahre ein Lebenswerk.Die verschiedenen Gartenräume sind nicht einfach eine Ansammlung schöner Pflanzen, sondern Ausdruck einer bestimmten Idee vom Garten. Räume und Themen werden geschaffen, geöffnet und wieder geschlossen; Farben werden aufeinander abgestimmt, Blickachsen entwickelt. Der Garten wird zur Komposition. Besonders eindrucksvoll sind der Rose Garden, der zur Konzentration führende Lime Walk oder Delos mit den Stümpfen von Säulen, den am Boden liegenden Kapitellen und einer griechisch anmutenden Flora. Vom Tower aus öffnet sich der Blick weit in die Landschaft. Dort hatte Vita Sackville-West ihren Schreibraum, der bis heute unverändert geblieben ist.
In Sissinghurst wird Natur besonders deutlich zur Kunst. Darin liegt zugleich ein Widerspruch, der für den Garten überhaupt kennzeichnend sein könnte: Der Mensch ordnet die Natur, ohne sie vollständig beherrschen zu können. Pflanzen wachsen über die ihnen zugedachte Form hinaus, die Jahreszeiten verändern Farben und Proportionen, Licht und Wetter die Wirkung eines Raumes. Der Garten ist geplant und bleibt dennoch lebendig.
Hier berührt der Garten einen Gedanken Jean-Jacques Rousseaus. Rousseau verstand die Natur nicht einfach als einen Ort, an den der Mensch sich im wörtlichen Sinne zurückziehen müsse. Seine Kritik richtete sich vielmehr gegen eine Zivilisation, in der der Mensch sich zunehmend über gesellschaftliche Erwartungen, Besitz, Rang und den Vergleich mit anderen definiert. Dadurch verliert er eine unmittelbarere Beziehung zu sich selbst und zur Welt.Ein Garten kann in diesem Sinne als Zwischenraum erscheinen. Er ist weder reine Wildnis noch vollständig beherrschte Welt. Er ist Natur, die durch menschliche Aufmerksamkeit geformt wurde, und zugleich eine Form, in der die Eigenständigkeit der Natur sichtbar bleibt. Der Garten zeigt deshalb nie die Natur, wie sie „an sich“ ist, sondern immer ein bestimmtes Verhältnis des Menschen zu ihr.
Danach besuchten wir die Mount Ephraim Gardens zwischen Faversham und Canterbury. Auch hier zeigte sich die besondere englische Gartenkultur in der Einbettung der Gestaltung in die hügelige Landschaft der Countryside. Geschichte und Landschaft des Landsitzes sind eng miteinander verbunden; immer wieder werden Bezüge zum Farmland und zur ungestalteten Natur hergestellt.Besonders eindrücklich war das Vortasten durch ein Labyrinth aus hohem Gras und Blumen, in dem man seinen eigenen Weg suchen musste. Von einem Hügel aus blickt man auf Teiche und auf den japanischen Garten mit seiner kleinen Brücke.Das Labyrinth erscheint dabei fast als ein Bild für die Erfahrung des Gartens selbst. Man sieht nicht alles auf einmal. Wege öffnen sich, andere verschwinden. Ein Garten ist eine Abfolge von Enthüllungen. Er macht die Welt nicht vollständig sichtbar, sondern lässt sie schrittweise erfahrbar werden. Transparenz bedeutet hier nicht, dass nichts verborgen bleibt. Im Gegenteil: Das Verborgene gehört dazu. Erst durch die Bewegung des Betrachters, durch Perspektivwechsel und Zeit entsteht ein Zusammenhang.
Nach der persönlichen, fast intimen Gartenwelt von Alf Löhr und der als Lebenswerk gestalteten Welt von Sissinghurst war dies eine weitere Form des Umgangs mit Landschaft: stärker geprägt von Tradition, gartenlandschaftlicher Gestaltung und der Geschichte des Ortes und der dort ansässigen Familie Dawes.
Am Ende unserer Reise stand Dungeness – und damit vielleicht der ungewöhnlichste Garten, den wir gesehen haben. Wir wollten die Gestaltung von Derek Jarman betrachten, die rund um seine schwarz geteerte Holzhütte, das Prospect Cottage, entstanden ist.
Schon die Lage dieses Gartens ist außergewöhnlich. Vor ihm liegt die karge Küstenlandschaft von Dungeness, hinter ihm erhebt sich die gewaltige Kulisse des stillgelegten Atomkraftwerks. Dieser Gegensatz verleiht dem Garten eine besondere Symbolik. Auf der einen Seite steht die monumentale Hinterlassenschaft des Atomzeitalters: Technik, Energie und Fortschrittsglaube, aber auch die Erinnerung an Zerstörung und Vergänglichkeit. Davor liegt ein kleiner, beinahe provisorischer Garten, der das Gegenteil zu verkörpern scheint: Verletzlichkeit, Improvisation, Offenheit und zugleich stilles Leben.Jarman hat diesen Garten nicht aus kostbaren Pflanzen und sorgfältig ausgewählten Gartenobjekten geschaffen. Vieles sind Fundstücke: angeschwemmtes Holz, Steine, Geröll, rostende Metallteile und andere Dinge, die die Küste zurückgelassen oder die Menschen dort abgelegt haben. Sie verbinden sich mit den Pflanzen, die an diesem unwirtlichen Ort zu Hause sind.Es ist ein Garten, der seine Umgebung nicht verleugnet. Im Gegenteil: Er nimmt Kargheit, Wind und Meer ebenso auf wie die Spuren menschlicher Eingriffe und macht sie zum Bestandteil seiner Gestaltung.
Gerade darin unterscheidet er sich von einem Garten wie Sissinghurst. Dort wird die Natur komponiert; hier scheint sie ihre eigene Sprache zu bewahren. Und doch sind beide Gärten auf ihre Weise künstlich. Beide sind Antworten auf eine Landschaft. Der Unterschied liegt weniger im Grad der Gestaltung als in der Haltung gegenüber dem Vorgefundenen. Bei Jarman wird nichts vollständig verborgen. Das Rostende darf rosten, das Angeschwemmte bleibt als solches erkennbar, die Steine bleiben Steine. Die Pflanzen müssen den Ort nicht in einen idealen Garten verwandeln.
Gerade daraus entsteht seine poetische Kraft. Zwischen den Fundstücken wachsen Pflanzen, die sich gegen die schwierigen Bedingungen behaupten. Das Vergängliche und das Lebendige stehen nebeneinander. Die rostenden Gegenstände erzählen von Vergangenheit und Verfall, während die Pflanzen weiterwachsen. Vor der Kulisse des stillgelegten Kraftwerks wird dieser kleine Garten zu einem Gegenbild: zu einer stillen, persönlichen Form des Widerstands gegen die großen technischen und zerstörerischen Kräfte.Auch hier lässt sich ein Rousseauscher Gedanke wiederfinden. Es geht nicht um die romantische Forderung, zur unberührten Natur zurückzukehren, sondern um die Frage, wie der Mensch leben kann, ohne die Welt vollständig seinen eigenen Zwecken zu unterwerfen. Jarmans Garten versucht nicht, die Landschaft zu beherrschen. Er arbeitet mit dem, was vorgefunden ist, und mit den Möglichkeiten, die ihm die Gestaltung lässt.So wird Jarmans Garten zu einem Kunstwerk, das nicht durch Perfektion entsteht, sondern durch Intuition, Zufall und ein aufmerksames Verhältnis zum Vorgefundenen. Die Dinge werden ernst genommen und erhalten dadurch einen neuen Zusammenhang. Die Küstenlandschaft wird nicht verschönert, sondern interpretiert.So betrachtet, waren auch die Gärten in Kent für uns nicht nur Stationen einer Reise. Jeder von ihnen hat auf seine eigene Weise etwas von der Transparenz der Welt und ihrer Bewohner erzählt.
Ein Garten kann ein Atelier sein, zu einem Lebenswerk werden, eine Bühne für Kunst bilden oder zu einer stillen Form des Widerstands gegen die Vergänglichkeit des Lebens werden. Er kann Ordnung schaffen und zugleich das Unverfügbare als etwas Schönes sichtbar werden lassen.Vielleicht liegt gerade darin seine besondere Bedeutung: Ein Garten macht die Welt nicht unbedingt einfacher verständlich. Aber er macht sie lesbar. In ihm können Landschaft, Kunst, Natur, Geschichte und menschliches Leben aufscheinen – nicht nebeneinander, sondern ineinander.